Hauptversammlung und Festvortrag 2016

Einladung zur
Jahreshauptversammlung des Vereins „Muttersprache“
Freitag, 29. Jänner 2016, 16:00 Uhr
Bezirksmuseum Floridsdorf („Mautner-Schlößl“), Prager Straße 33, 1210 Wien
(Straßenbahnlinie 26 ab Bahnhof Floridsdorf [U6, Schnellbahn] in Richtung Strebersdorf, 2. Haltestelle: „Nordbrücke“)
www.bezirksmuseum.at

Tagesordnung: 1. Berichte: Vorstand, Schrifleiter, Rechnungsprüfer. – 2. Entlastung des Vorstands. – 3. Wahlen: Vorstand, Rechnungsprüfer. – 4. Ehrungen. – 5. Behandlung eingelangter Anträge. – 6. Allfälliges, Ausblick.

Im Anschluß (Beginn: 19:00 Uhr):
Festvortrag
em. o. Univ.-Prof. Dr. Roland Girtler:
„Sprache und ihr Wandel in Randkulturen“
Mit anschließender Diskussion

Freier Eintritt, Spenden willkommen

In der Pause vor dem Vortrag stellt das Museum einen kleinen Imbiß und Getränke bereit. Auch können die Sammlungen besichtigt werden.

Liebe Mitglieder und Freunde! Wir ersuchen um zahlreiches Erscheinen und rege Teilnahme! Bringen Sie Gäste mit!

Dialekt als soziales Merkmal für Unbildung?

Von Werner Abraham

(Erweiterte Fassung des Beitrags aus WSB 4/2015)

 

Grammatikunsicherheiten: die Pickerl oder die Pickerln?

Ist es uns noch erinnerlich? In der TV-Werbung war von der Neueinführung von Einkaufspickerl (Plural!) die Rede und vom entsprechenden Sammeln von Markerl (zum Einkleben) in unserer Einkaufswelt – eine althergebrachte Werbelist. Es fiel dann auf, dass in Folgewerbesendungen das Wort vermieden wurde. Später war auch von Pickerln (ebenfalls Plural) die Rede. Da hatte jemand auf etwas aufmerksam gemacht. War etwa Kritik zu dem Werbepsychologen vorgedrungen, was dessen Praxis der Pluralbildung betrifft?

Sei dies, wie es sei. Was das Ganze deutlich macht, ist, daß in Österreich – oder etwa nur in Wien? – bei bestimmten Grammatikfragen zum Deutschen Unsicherheit besteht. Das untrügliche Gefühl für Grammatikregeln fehlt, möglicherweise bereits bei den Lehrern im Deutschunterricht.

Was wäre denn die „deutsche“ Deutsch-Regel? „Beim Diminutiv (dem Verkleinerungswort) auf -erl setzt man im Plural -n.“ Vgl. die Mäderln (zu Meid), Weiberln (zu Weib), Bienderln (zu Biene), Körberln (zu Korb), Scheiberln (zu Scheibe) usw.

Davon zu unterscheiden sind die Regeln bei der Endung auf -el, einer benachbarten Quelle der Unsicherheit. Hier bildet das Femininum den Plural mit -n (die Kartoffeln, Regeln, Eicheln, Disteln usw.), das Maskulinum und Neutrum jedoch nicht (die Mittel, Viertel, Hebel, Deckel, Kegel usw.; mit einigen Ausnahmen wie die Muskeln, Stacheln), außer -el ist die Diminutiv-Form (z. B. die Hütteln, Stadeln). Bei Pseudo-Diminutiva ist umgangssprachlich/mundartlich auch -n möglich (z. B. die Knödeln, Quargeln, Schnitzeln); das ist aber nicht Schriftdeutsch.

Das „österreichische Deutsch“ als Frage von Sprachkompetenzen?

Um aber die Frage zu die Pickerl abzuschließen: Mich selbst schaudert vor dem Plural die Pickerl, die Markerl. Ich kann nur die Pickerln, die Markerln sagen. Hat bei den unterschiedlichen Sprachkompetenzen der Pickerl-Sprecher und der Pickerln-Sprecher die Weisheit des vormaligen Unterrichtsministers Felix Hurdes zugeschlagen: Ist „Deutsch“ einfach durch „Unterrichtssprache“ zu ersetzen, um sich einer gemeinsprachlichen Deutschgrammatik nicht mehr stellen zu müssen?

Man beachte: Ich spreche nicht von lexikalischen Varianten, so wie Schweizer Unterbruch sagen, wo Österreicher, Luxemburger und Deutsche bei Unterbrechung angelangt sind. Oder wo man in Österreich Topfen sagt, was man zwischen Freilassing und Penemünde als Quark verlangen muss, wenn man das bekommen soll, was man bekommen will. Es geht mir vielmehr um die grundsätzliche Grammatikunsicherheit beim österreichischen Deutsch.

Deren Abweichungen sind freilich von akademischen Deutschprofessoren wie Rudolf Muhr aus Graz mit dem Terminus „Austriazismen“ zum österreichischen Standarddeutsch hochstilisiert worden. Damit spricht man ihnen unter vielerlei Toleranzen gleichsam „soziallegitimen“ Status zu.

Sind wir also als Deutschsprecher in Österreich unsicher, was das Gemeindeutsch – Deutsch als staatsübergreifende Verkehrssprache – betrifft? Woher käme das? Sind wir dadurch schlechtere Deutschsprecher, stigmatisieren wir uns sozusagen selbst gegenüber „echt“ deutschen Richtigsprechern?

FWF-Projekt „Deutsch in Österreich“

In der Wiener Tageszeitung Der Standard vom 9. September 2015 wird unter dem Titel „Deutsch in Österreich: die Verteidigung des Topfens“ das neue Forschungsprojekt „Deutsch in Österreich“ vorgestellt, das der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung im Rahmen des Programms für Spezialforschungsbereiche vor kurzem bewilligte. (1) Projektleiter sind die Germanistikprofessoren Alexandra Lenz (Wien, vorher Groningen) und Stephan Elspaß (Salzburg, vorher Augsburg). Beide sind ausgewiesene germanistische Sprachwissenschaftler: Lenz mit dem Schwerpunkt der niederdeutschen Dialektologie und Elspaß mit „Sprachgeschichte von unten“ (d. h. unter Bezug auf unliterarische Dokumente in der Geschichte des Schrifttums des Deutschen quer durch alle Dialekte).

Kernidee des Forschungsprojekts (2) ist es, den sozialen Verwerfungen beim Gebrauch von Dialekten in der öffentlichen Rede (etwa vor Amtsträgern) und im Verkehr von Sprachteilnehmern untereinander nachzugehen. Nachteile, Stigmatisierungsfaktoren, Ausdrucksgenauigkeit sollen erhebungstechnisch mit statistisch signifikanten Ergebnissen ermittelt werden, regional gegliedert, je nach Ausprägung des Dialekts. Gegebenenfalls gilt es sie zu erklären und publizistisch vermittelnd bzw. „stigmakorrektiv“ zu wirken.

Das ist ein großes soziolinguistisches Vorhaben, das nach besonderen Leitungs- und Organisationsqualitäten verlangt. Die Forschungsfragen sowie der geplante Umgang mit den Ergebnissen der Werteklassifikation („Stigma“ oder „Akzeptanz“) verraten deutlich die methodische Projektbegründung nach William Labovs „Differenz-Position“ (difference position) – dies in Gegensatz zu Basil Bernsteins methodischer „Defizithypothese“, wo der spezifische Sprachgebrauch sozialer Schichten und das Auftreten von Sprachbarrieren beleuchtet wird (Unterscheidung zwischen „restringiertem“, d. h. der „Unterschicht“ zugehörigem und „elaboriertem“, d. h. der „Oberschicht“ zugehörigem Sprachkode).

Bernsteins Defiziterklärung wurde in der soziolinguistischen Methodik seit den 60er Jahren durch Labovs Ansatz abgelöst, eine linguistisch fundierte Varietätengrammatik und Varietätenphonologie. Nach Labovs Differenzansatz wird nicht nur darauf verzichtet, Substandardausdrücke zu bewerten, sondern dem sprachlichen Substandard wird sogar die Funktion zuerkannt, den Sprachwandel einzuleiten (vgl. Labovs Buchtitel Principles of Linguistic Change, 3 Bde., 1994–2010). Erst unter solcher methodologischer Vorgabe, das will man aus dem Standard-Interview herauslesen, kann man sich ein Bild vom Qualitätsgrad des angestrebten Erhebungshorizonts und der zu erwartenden Ergebnisse machen.

Regel-Defizit oder Regel-Alternative?

Was hat dieser sprachsoziologische und dialektologische Hinweis mit dem Pickerl(n)-Problem zu tun? Nun: Ich habe es mit meiner entschiedenen Bevorzugung von Pickerln bereits angedeutet, mag man doch aus meiner Wertung, hinter der ja auch die Erklärung einer Berufsautorität steht, Stigmatisierung der Variante Pickerl erschließen. Die Frage ist hier aber: Handelt es sich um Stigmatisierung wegen des vorliegenden Regel-Defizits (also nach Bernstein), oder kennzeichnet sie bloß eine „wert-unwerte“ Varietät, also zwei gleichberechtigte Spielarten (nach Labov)?

Ich meine, die Frage ist empirisch entscheidbar. Kommen wir dazu noch einmal zu unseren Pickerln bzw. Pickerl zurück. Ich behaupte, dass bei dieser Unsicherheit eine ganz konkrete Entscheidung zwischen zwei Regel-Alternativen vorliegt, wobei einmal (völlig unbewusst natürlich) von der einen Regel, ein andermal von der anderen Gebrauch gemacht wird.

Die eine Regel wurde bereits angesprochen – sie ist am ehesten Duden-reif: Diminutive haben dann ein Plural-n wie in Pickerln und Markerln, wenn sie sich in der Gegenwartssprache nicht als unabgeleitetes Wort selbständig gemacht haben (etwa Brösel als Singular ebenso wie Plural; denn es gibt ja kein *Brös(e)!). Dies zur formalen Unterscheidung von Singular (Pickerl) und Plural (Pickerln).

Das ist die eine Regel. Die zweite dagegen führt zu Pickerl als Plural, und ihre grammatische Gültigkeit ist ebenso regelhaft (wenn auch in Duden nicht belegt). Sie hängt damit zusammen, dass Diminutive in funktionaler Hinsicht viel mit Pluralen, Kollektiva (das sind Ausdrücke zur Bezeichnung einer Vielzahl als Einheit, z. B. Stuhl → Gestühl, Bürger → Bürgerschaft) und Habituativa (Gewohnheitsausdrücken) zu tun haben. Alle eint, dass sie etwas mit Quantifizierung (Mengenangabe) zu tun haben:

♦ Habituativa und Iterativa (Wiederholungsausdrücke) kennzeichnen „Ereignisgenerik“, am typischsten bei Berufsbezeichnungen auf -er: Lehrer, Sünder, Bäcker, Turner – Personen, die wiederholt das Gleiche tun (nicht jedoch *der/die Faller, Sterber, weil hiermit keine Berufe bzw. Habituativa vorliegen: fallen, sterben sind einmalige Ereignisse, lassen sich nicht durch ein und dieselbe Person wiederholen, genau das Gegenteil von Habituativa).

♦ Kollektiva (mehrere Individuen mit den gleichen Eigenschaften umfassend) drücken in sich selbst bereits „Ereignispluralität“ aus: das Vieh. (Im Unterschied zum Individualnomen das Viech, wozu es völlig regelhaft den Plural die Viecher gibt; Viech hat allerdings den Weg in die Hochsprache nicht gefunden. Unter einem Individualnomen oder Individuativum versteht man Hauptwörter, die im Unterschied zu Massen-Nomen unmittelbar mit einem Zahlwort verknüpft werden können: z. B. Apfel gegenüber Gold.)

♦ Da Kollektiva bereits einen Pluralisierungstyp darstellen, gibt es dazu keine Singularbildung: z. B. Leute (*der Leut?).

♦ Diminutive verkleinern, sind mithin als Verkleinerungsableitungen (Weib – Weiberl) an und für sich bereits quantifiziert. (Es gibt keine Verkleinerungen von Individuativen, soweit es nicht Eigennamen wie das Peterl(e) sind – und dort handelt es sich nicht um Verkleinerungen, sondern um Hypokoristika, also Liebkosungsausdrücke.)

♦ Zu dem Diminutiv auf -chen, der eher im Norddeutschen beheimatet ist (es gibt kein *Pickchen, *Märkchen), existiert kein eigener Plural, da doppelte Quantifikation sich funktional ausschließt: Weibchen ist Singular ebenso wie Plural. Hier schließt sich der Diminutiv der Klasse der unabgeleiteten Nomina auf Singular-n an, wie (das/die) Zeichen, (der/die) Nachen, Rachen, Kuchen, Rechen.

♦ Die deutlichste Parallele zu Pickerl als Quantifikation liefern die Teilnumeralia im Deutschen: (ein) Drittel, Viertel, Zehntel, Hunderstel. Hierzu gibt es keinen n-Plural. Wir bestellen – verlassen wir die Welt der Zahlenteile – zwei Bier/Roten/Gulasch, nicht zwei Biere/Rote/Gulasche. Nur zu Letzterem allerdings steht die Grammatikschreibung mit der Regel der Pluralbildung und der entsprechenden morphologischen Kongruenz.

♦ Die Verallgemeinerung zum letzten Beispiel – (die) *Dritteln – bietet Zählung der sogenannten Mengennomina (wie Zucker, Mehl, Wasser), wo beim Zählen die fehlende Pluralform durch eigene Zählernomina eingesetzt wird, wie Stück (Stücke), Dutzend (Dutzende), Mann (Männer). Damit wird ein falscher Plural (die *Zücker, *Mehle, *Honige) vermieden, und trotzdem kann gezählt werden: drei Stück(*e) Zucker, vier Dutzend(*e) Eier, drei Mann (*Männer), 5o Gramm Honig(*e) hoch. Dieser Quantifikationstyp ist in den sog. transnumeralen Sprachen wie dem Chinesischen und Japanischen konsequent durchgezogen, da die Nomina grundsätzlich keinen Plural bilden. Es gibt in solchen Sprachen eine Vielzahl von sog. Klassifikatoren, die genau das gleiche tun wie Stück/Dutzend/Mann, wenn das Nomen gezählt werden muss. D. h. hinter der quantifizierenden Entscheidung für den Plural Pickerl, Markerl (also ohne eigenes Pluralmorphem –n) steckt eine in den Spra­­chen der Welt sehr regelhaft vertretene Systematik.

♦ Sobald jedoch der reine Mengenbegriff zugunsten individueller Verschiedenheiten aufgegeben wird, lassen sich manche Mengenwörter pluralisieren: diese (Rasier-)Wässer (kosten ganz unterschiedlich viel). Haben wir es also mit zwei Pluralen zu tun, die Unterchiedliches ausdrücken? Wie in (die) Pickerln als Individuativa (kleine verschiedenfarbigen Pickobjekte) gegen (die) Pickerl als Einheitsmengenbegriffe? (Ich kann eine solche Trennung in meinem Deutsch nicht nachvollziehen. Aber es wäre immerhin zu untersuchen.)

♦ Wir bestellen im Wirtshaus: „Kaffee, bitte!“ Der Ober sieht uns zu zweit sitzen: „Zwei?“ Ich darauf: „Ein!“ Der Ober abermals: „Zwei Zucker?!“ Ich antworte: „Ein Zucker.“ Man beachte: „Einen Zucker“ wäre wohl kasusgrammatisch (Akkusativ), nicht jedoch semantisch-pragmatisch in dieser Situation angebracht. Ähnlich für Kuchen, Braten, Rotwein, Gspritzter. Nehmen wir nun an, es verbirgt sich in meiner Bestätigung zu meiner Bestellung „ein (Stück) Zucker“, dann wäre auch die Akkusativkodierung richtig, da ja „einen Stück Zucker“ falsch wäre. Es ließe sich auch argumentieren, dass mal verborgen ist: „ein(mal) Zucker“. Aber auch diese Ellipsenversion zeigt nur, dass da ein lexikalischer Vermittler zwischen dem Numeralwort ein/zwei und dem Kopfnomen Zucker dazugedacht werden muss, um sowohl der Morphosyntax als auch der semantischen Interpretation Genüge zu tun.

♦ Es gibt ein Phänomen, das mit Letzterem zusammenhängt. An der Zahlkasse wird gefragt: „Wieviel Flaschen Bier?“ Antwort des Kunden aus Bayern: „Viere!“ Zu beachten ist, dass „Viere Flaschen“ falsch wäre. Viere (ebenso wie Zehne, Hunderte) ist nur nominal einzusetzen, nicht attributiv. Ebenso falsch wäre allerdings auf die Frage „Wieviel Biere?“ die Antwort „Viere“. Denn das würde besagen, dass es vier verschiedene Biersorten gibt – eine Antwort, die gar nicht zur Frage passt. Das will bedeuten: Es gibt in den oberdeutschen Dialekten im Unterschied zum Schriftdeutschen zwei Grundzahlwörter: ein flektiertes nominales und ein unflektiertes attributiv verwendetes. Wir schließen: beim unflektierten handelt es sich nicht nur um ein attributiv verwendetes, sondern dieses verbindet sich syntaktisch auch mit einem elliptischen „Mengenportionierer“ – Flaschen in unserem Beispiel. Mit dem flektierten dagegen liegt ein individuierendes Zahlwort vor: „vier (Verschiedene von einer Menge Gleicher)“.

Nach diesen Regeldetails gilt die zweite Regelverallgemeinerung für das Deutsche:

Bei den Klassen der Habituativa und Kollektiva (aber längst nicht nur bei diesen), denen pluralische bzw. quantifizierende Bedeutung innewohnt, sind Mehrheits- als Pluralbildungen sozusagen in inhaltlichen Widerstreit mit morphologischer Pluralbildung geraten, ebenso wie bei quantitativ abbauenden Diminutiven. So kommt es zu der von mir beobachteten Bildung (zwei) Pickerl, Markerl statt der „korrekten“ (zwei) Pickerln und Markerln.

Grammatik- dank Dialektkompetenzen?

Wir haben mit den beiden Regeln ganz unterschiedliche Grammatikmodule angesprochen: mit Regel 1 die Formentrennung zwischen abgeleiteten und unabgeleiteten Wörtern, auf -erl endend; mit Regel 2 so etwas wie innere Quantifikation, wobei sich die quantitätsabbauenden Diminutive gleich wie quantitätsaufbauende Habituativa und Kollektiva verhalten.

Wenn das alles (vor allem meine Regel 2, die keinen Weg in die Grammatiken gefunden hat 3) stimmt, dann geht das Schwanken zwischen den Pluralformen Pickerl/Markerl und Pickerln/Markerln auf eine durchaus tiefe Regelkompetenz des Deutsch sprechenden Österreichers zurück – eine, auf die der Vertreter von ausschließlichem Pickerln nicht verweisen kann und die, notate bene, auf Dialektkompetenzen zurückgeht. Daran gemessen, können Sprecher allein der Hochsprache ihre Grammatikkompetenz nicht in gleicher Tiefenauslotung aufbauen.

Es gilt abzuwarten, ob die Forscher im großen österreichischen Wissenschaftsfonds-Projekt auch auf solche Ergebnisse von korrekten Alternativen hinweisen können. Sammeln und Einordnen alleine wird nicht genügen. Was immerhin auf den ersten Blick als im Sinne Labovs wertungsfremdes Untersuchungsprojekt anmutet, kann ebenso gut darauf hinauslaufen, Defizite im satz- und textkompositorischen Vermögen der Österreicher zu Tage zu bringen, vor allem dann, wenn methodisch solchen zunächst gleichwertigen Varianten wie Pickerl und Pickerln ein entsprechender Bewertungsraum beigemessen wird. Damit erführen sie eine Auslegung im Sinne von Bernsteins „Defizitposition“. Sie erschienen als Eigenschaften der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Bildungs- und Kompetenzschichten und wären das Ergebnis sprachlicher Sozialisationsprozesse.

Wir sehen dem Ergebnis mit Spannung entgegen.

 

Anmerkungen:

(1) Vgl. dazu auch den Bericht: http://derstandard.at/2000020892843/Wie-sich-die-deutsche-Sprache-in-Oesterreich-entwickelt

(2) Siehe auch: http://www.uni-salzburg.at/index.php?id=202519

(3) Ich hatte zu allem einen fruchtbaren Gedankenaustausch mit Prof. Elisabeth Leiss (Lehrstuhl für germanistische Linguistik an der Ludwig-Maximilian-Universität zu München).

 

Der Autor: Werner Abraham war ordentlicher Professor für germanistische Sprachwissenschaft und Mediävistik an der Reichsuniversität Groningen, Niederlande. Nach seiner Emeritierung wirkt er als Honorarprofessor für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Wien und als Lehrbeauftragter für Germanistische Linguistik an der Ludwig-Maximilian-Universität in München.

 

Nachbemerkung eines Lesers: Zur „Grammatik der Wirtshausbestellungen“

Ich glaube schon, dass es um Abkürzungen geht – oder zumindest um Auslassungen, bei denen man sich dann das Ausgelassene hinzudenken muss. Wenn wir geschickte Formulierungen finden, muss man weniger auslassen und weniger hinzudenken. Wenn wir immer vollständige Sätze bilden, wie: „Herr Ober, bitte bringen Sie uns einen halben Liter roten Hausweines und dazu zwei Gläser“, dann wissen wir genau, welches Nomen im Nominativ, im Akkusativ oder im Genitiv steht, und können die Endungen der Adjektiva und der Zahlwörter entsprechend anpassen. Sagen wir bloß: „Noch einen!“ und zeigen auf das Glas, dann weiß der Ober nicht, ob sich das einen auf Wein oder auf den Liter bezieht, den wir vorher bestellt hatten. Und manchmal entstehen so auch seltsame Wendungen, die aber grammatikalisch richtig sind, wenn man sich nur das Richtige hinzudenkt.

Bei „drei Bier“ muss man sich den Klassifikator Glas hinzudenken, und wenn man das tut, dann ist man, wie Du sagst, fast schon beim transnumeralen Chinesischen: „san bei pijiu“ = „drei Glas Bier“ (allerdings darf man im Chinesischen den Klassifikator bei = Glas nicht weglassen).

Davon ausgehend glaube ich, man kann fast die Behauptung wagen: Die Grammatik unserer Wirtshausbestellungen ist nicht nur dem Chinesischen ähnlich, sie ist sogar vom Chinesischen beeinflußt!

Zunächst eine harmlosere These: Unsere Wirtshausbestellungen werden durch unser wissenschaftlich-technischen Messsystem beienflusst. Dieses System ist während der Aufklärung enststanden und besteht aus dem Tripel Messzahl, Messeinheit, Messgröße. Beispiel: „7 Volt Spannung“. Bei Mengenmessungen tritt an Stelle der Messgröße die Stoffbeschreibung: „drei Liter Bier“. Die Meßzahl wird vorzugsweise als Dezimalzahl geschreiben, so dass man sich um die Endung (ein, einer, eine, einen) nicht kümmern muß. Die Messeinheit (Volt, Kilo, Liter) ist undeklinierbar und hat weder Casus noch Numerus noch Genus. Meistens wird sie als Formelzeichen geschrieben (V, kg, l). Und die Stoffbeschreibung ist ebenfalls undeklinierbar und hat werder Casus noch Numerus noch Genus. Im Idealfall steht hier eine chemische Formel: H2O, oft ein technischer Name: Frühkartoffeln Klasse 3C oder Carbon Nanotubes oder Isopropylalkohol. Dieses System wird meistens in Tabellen und in Gleichungen verwendet. Wenn es in den Text hinein rutscht, muss man sich entweder Anführungszeichen denken oder Kompromisse machen. Unsere Wirtshausbestellungen folgen diesem System: „Null Komma Fünf Liter Paulaner, hell, vom Fass“.

Und jetzt müssen wir nur noch zeigen, dass unser technisches Maßsystem von China beeinflußt worden ist. Das ist relativ leicht: Aufklärung, Französische Revolution … das war die Zeit der Chinoiserien. Der Chinesische Turm im Englischen Garten in München ist 1789 gebaut worden! Die Aufklärung hat China sehr bewundert und vieles nachgeahmt!

Noch ein Nachtrag zu meiner Bemerkung über die Maßeinheiten: Diese sollten ohne Numerus, Genus und Casus sein. Wir lachen oft über die „ungebildeten“ Amerikaner, die an Meter ein Plural-s anhängen. Aber wir sagen selbst Meilen, Ellen, Unzen usw. Nun ja, das sind alte Einheiten, die nicht zum metrischen System gehören. Aber Sekunden? Die gehören zum metrischen System. Die haben wir jedoch noch aus der vor-metrischen Zeit übernommen. Andererseits bilden wir auch keine Mehrzahl von den alten Einheiten Zoll und Fuß (die Engländer und Amerikaner schon: inches und feet). Wieso?

Da kommt bei mir folgender Verdacht auf, der für Dich als Fachmann vielleicht ein altbekanntes Gesetz ist: Die offenbare Mehrzahlbildung bei alten Maßeinheiten gibt es nur, wenn diese weiblich sind. Vielleicht ist das gar kein Plural, sondern ein alter Genitiv, wie bei Frauenkirche und Sonnenfinsternis: „3 Meilen“ = „drei der Meilen“, genitivus partitivus!

Ähnliches trifft anscheinend auch für die Währungseinheiten zu: Euro und Pfund setzen wir nicht in den Plural, Kronen schon. Bei Heller, Kreuzer, Taler, Franken und Gulden würden Singular und Plural, Nominativ und Genitiv formal zusammenfallen. Schilling? Mark?

Ganz konsequent sind wir ohnehin nicht: Wir sagen „drei Tassen Kaffee“ und „drei Glas Wasser“, aber Jahr und Tag setzen wir immer in den Plural – außer in der Wendung: „vor Jahr und Tag“.

 

Wiener Sprachblätter, Jg. 65, Heft 3 (September 2015)

Neben der Vorwort des Obmanns Dieter Schöfnagel und einem vollständigen Inhaltsverzeichnis bietet die Nachlese im pdf-Format folgende Beiträge aus dem September-Heft 2015:

Gepflegte Sprache

Wo Sprachpflege endet und Sprachkritik beginnt … / Werner Abraham

Wegzeichen

Zucht und Ordnung im Genderreich / Ferdinand Canapellis und Dieter Schöfnagel

Plaudern auf deutsch / Franz Rader

Hochsprache, Regionalsprache, örtliche Mundart / Franz Rader

Weltsprache Chinesisch / Franz Rader

Träume vom Abschiednehmen

„Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Von Alexander Martin Pfleger

(Erweiterte Fassung des Beitrags aus WSB 4/2015)

Im Zuge der Auseinandersetzungen um seinen Roman „Ein weites Feld“ betonte Günter Grass seine Prägung durch den Katholizismus: Bereits in früher Jugend vom Glauben abgefallen und infolge der Auseinandersetzungen um den Paragraphen 218 aus der Kirche ausgetreten, sei ihm doch eine „barock-katholische Lebensart“ geblieben, „die immer, besonders in glücklichen Momenten, etwa beim Heben des Glases voller Rotwein, ein Stück Tod mittrinkt. Der Tod ist immer da. Er ist fürchterlich, aber nicht zum Fürchten. Der Tod als große Ungerechtigkeit, wie er etwa bei Elias Canetti erscheint, wäre für mich kein Thema“ (1).

Angesichts einer solchen Stellungnahme läßt sich das Gesamtwerk von Günter Grass als einziges „Memento mori!“ verstehen. Hinter der stets mit Vehemenz vorgetragenen, bisweilen allzu lautstark ausgefallenen und nicht selten verfehlten Polemik des Sozialkritikers Grass schwang immer eine im Grunde christlich fundierte Mahnung mit, die Vergänglichkeit alles Irdischen und die eigene Sterblichkeit zu bedenken.

„Mir träumte, ich müßte Abschied nehmen“ – so hebt eines der bekanntesten und schönsten Gedichte von Günter Grass an und leitet das vierte Kapitel der „Rättin“ (1986) ein (2). „Vonne Endlichkait“, das Buch, an dessen Fertigstellung er noch bis zu seinem Tode arbeitete, ist ein Reigen vorwiegend kürzerer Gedichte und Prosastücke – allesamt, wenn man so will, „Träume vom Abschiednehmen“. Ein lyrisches oder erzählerisches Ich, das die Ähnlichkeit mit dem Autor Günter Grass nicht zu verleugnen bestrebt ist, hält inne – und Rückschau. Melancholisch gestimmt geben sich die Texte – sowie die vom Verfasser selbst beigesteuerten Zeichnungen – des Bandes.

Anläßlich eines Besuches mit den Enkelkindern auf einem Weihnachtsmarkt findet sich folgende Reflexion über Albrecht Dürers Kupferstich „Melencolia I“: „Seitdem ist gewiß, daß sie, die unzulänglich als Schwermut und – krankgeschrieben – als Depression behandelt wird, zu mir gehört. Sie ist den Menschen, vermutlich auch anderen Tieren anhänglich. Der ihr nachgesagte Trübsinn verdunkelt zwar, macht aber auch einsichtig, erhellt Abgründe. Ohne sie gäbe es keine Kunst. Sie ist der Moorboden, auf dem ich Halt suche. Dem Humor dient sie als Untermalung. Der Liebe, die nur sich sieht, zeigt sie das Stundenglas. Ihr zum Gefallen wurde die Uhr erfunden. Denn überall, wo sich großspurig Fortschritt behauptet, selbst angesichts restlicher Natur – oder wie heute, inmitten des Weihnachtsmarktes –, ist sie zur Stelle, nimmt uns die Wehmut auf unbestimmte Zeit in Besitz“ (S. 64, „Des Nachgeschmackes Beigabe“).

Diese Passage offenbart noch einmal die literarische Verfahrensweise des Schriftstellers Grass – eine absolute Hinwendung zu den in den einzelnen Worten angelegten Möglichkeiten der deutschen Sprache, sei es auf rein klanglicher Ebene („Moorboden“ – „Humor“), sei es bezüglich der Ambivalenzen auf der Bedeutungsebene („etwas behaupten“ – „sich behaupten“), die der Entfaltung seiner keineswegs spielerisch gedachten Assoziationsketten als Grundlage dienten.

Das Ich besingt seinen langsam fortschreitenden körperlichen Verfall – den Verlust der letzten Zähne, das (zeitweilige) Schwinden des Geruchs- und Geschmackssinns, Zustände der Schwäche und Müdigkeit, aber auch die letzte Hoffnung auf ein weiteres Frühjahr. Lektüreeindrücke werden beschworen – Shakespeare, Sartre, Camus, vor allem jedoch Jean Paul. An lange zurückliegende Gespräche mit Paul Celan wird erinnert, dessen „schwarze Milch als geliehene Metapher in verschraubbaren Gläsern“ (S. 11) lagert und der ihm in Paris die Geschichten von „Gargantua und Pantagruel“ des François Rabelais in der Übersetzung von Gottlob Regis zu lesen empfahl.

Imaginiert wird ein nächtliches Gespräch mit dem verstorbenen Mythenforscher Claude Levi-Strauss, dessen Büchern Grass einige Anregungen für den „Butt“ (1977) verdankte. Auch anderen Grass’schen Metapherntieren begegnen wir hier – dem Windhuhn, der Schnecke …

Im Zusammenhang mit dem „Butt“ betonten einst Claudia Mayer und Volker Neuhaus die „politische Relevanz des Essens bei Grass“. Das Kochen sei in seinen Büchern „ein wichtiges und immer wiederkehrendes Motiv“. Im „Butt“, aber auch in anderen Werken, „ist das Essen neben dem sinnlichen Genuß eine Gegenmacht in einer chaotischen Welt. Inmitten von Leiden und Sterben findet in jedem Monat ein gemeinsames Essen statt, das Zerstrittene und Getrennte verbindet“ (3).

So finden sich auch hier zahlreiche Beschwörungen kulinarischer Genüsse; allerdings läßt sich die Kluft zwischen den Generationen bisweilen nicht mehr überbrücken. Des Vaters Schwärmen für Hausmannskost und Innereien macht ihn für seine zahlreiche Nachkommenschaft zum Kinderschreck: „Was einst den Gaumen belebte, leidet unter Verbot. Kein geschlachtetes Vieh darf erkennbar, der Saukopf nur als Sülze gelieren. Was vormals grunzte, muhte, gackerte, wieherte, wird verwurstet“ (S. 40).

Auch Politisches klingt an: Die Eurokrise, der Syrienkonflikt, die Annexion der Krim – und „Mutti“: „Was stören könnte, wird beredt beschwiegen; / sie jedenfalls sagt wortreich nichts. / Wer ihr zu nah kommt, der wird weggebissen / und ist alsdann der Medien Frühstücksfraß“ (S. 101). – Wie Grass, der Linkshänder, „unbelehrbar weit links von allem und mir“ (S. 130) stehend, wohl Angela Merkels Wandel zur „Flüchtlingskanzlerin“ kommentiert hätte?

Das letzte Gedicht, das zugleich dem Buch seinen Titel verlieh, ist in kaschubischer Mundart verfaßt:

 

Nu war schon jewäsen.

Nu hat sech jenuch jehabt.

Nu ist futsch un vorbai.

Nu riehrt sech nuscht nech.

Nu mecht kain Ärger mähr

un baldich besser

un nuscht nech ibrich

un ieberall Endlichkait sain. (S. 173)

 

Der Mythos des beabsichtigten Weltabschiedswerks läßt sich nur schwer mit dem Namen Günter Grass in Einklang bringen. Nach „Vonne Endlichkait“ hätte es – banale Feststellung ! – durchaus weitergehen können, wenn der Autor am Leben geblieben wäre. So aber bilden die Texte und Zeichnungen dieses Buchs, worin noch einmal nahezu sämtliche Motivkreise und Metaphernfelder des Grass’schen Gesamtwerks anklingen, nun den gleichermaßen verhaltenen Ausklang wie auch den eindrucksvollen Schlußakkord seines Lebenswerks.

Weitere lyrische Proben aus „Vonne Endlichkait“:

 

NACH ENDLOSER QUAL

raus aus dem Bett

und mit gespitztem Blei

das wabernde Nichts lichten;

das ist des Alters Gewinn,

Schlaf vergeudet die Zeit. (S. 58)

 

STILLES LEBEN

Auf gammelndes Fallobst

warf jüngst der Sturm

letzte Äpfel und Birnen,

dazu restliches Laub,

das meinem Stift zuliebe sich färbte

und nun an den Rändern kräuselt. (S. 61)

 

SPURENLESEN

Seitlich des Wellensaums

komme ich mir – hin und zurück –

barfuß im Sand entgegen. (S. 162)

 

Bibliographischer Hinweis:

Günter Grass: Vonne Endlichkait. Göttingen: Steidl Verlag 2015; ISBN: 978-3-95829-042-6, 184 S., EUR 28,00.

 

Anmerkungen:

(1) Günter Grass im Gespräch mit Jochen Hieber, FAZ, 7. 10. 1995; zitiert nach: Der Fall Fonty. „Ein weites Feld“ von Günter Grass im Spiegel der Kritik. Hrg.: Oskar Negt. Göttingen 1996, S. 454.

(2) Günter Grass: Werkausgabe in zehn Bänden. Hrg.: Volker Neuhaus. Bd. VII: Die Rättin. Hrg.: Angelika Hille-Sandvoss. Darmstadt–Neuwied 1987, S. 103.

(3) Nachwort der Herausgeber. In: Ebd. Bd V: Der Butt. Hrg.: Claudia Mayer. Darmstadt–Neuwied 1987, S. 656.