Sedlaczek am Mittwoch: Wir sind eine ausstrebende Sprache

Von Robert Sedlaczek. In Wiener Zeitung vom 23. Februar 2011

Alle zwei Wochen geht eine Sprache verloren. Und damit auch kulturelle Vielfalt und uraltes Wissen.

Die Unesco hat den internationalen Tag der Muttersprache zum Anlass genommen, um an die schwindende sprachliche Vielfalt auf unserem Erdball zu erinnern. Heute werden weltweit 6000 Sprachen gesprochen. Laut Einschätzung der Unesco ist die Hälfte davon vom Aussterben bedroht. Rund 3000 Sprachen werden also am Ende dieses Jahrhunderts in Vergessenheit geraten sein. Alle zwei Wochen stirbt eine Sprache, und damit auch das mit ihr verbundene uralte Wissen, Redensarten, Scherze und vieles mehr. Jede Sprache bedeutet eine einzigartige Sichtweise, zeigt, wie eine Gesellschaft agiert und reagiert, welche Lebensphilosophien in ihr vorherrschen. Das Verschwinden einer Sprache bedeutet auch einen unwiederbringlichen Verlust von Kultur, Wissen und Wir-Gefühl.

Wissenschafter haben einen „Atlas der bedrohten Sprachen“ ausgearbeitet und jene Sprachen oder Mundarten aufgezählt, die aussterben werden, wenn die jeweilige Gesellschaft nicht gegensteuert. In Österreich sind das nach Ansicht der Wissenschafter das Bairische, das Jiddische, das Burgenländisch-Kroatische, das Alemannische in Vorarlberg und das von Roma und Sinti gesprochene Romanes.

Dies bedeutet: Grosso modo sind wir alle eine aussterbende Sprache! An erster Stelle wird ja das Bairische genannt, das ist jene Mundart, die sich Bayern und Österreicher teilen. Das Wort wird mit -ai- geschrieben, nicht mit -ay-. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass jene Teile Bayerns gemeint sind, wo bairisch gesprochen wird – es gibt ja im Freistaat Bayern auch Gebiete, wo fränkische und schwäbische Dialekte beheimatet sind. Genauso wie Bayern stellt auch Österreich keine sprachliche Einheit dar. So wird ja in Vorarlberg alemannisch gesprochen.

Vor einiger Zeit haben Sprachwissenschafter auch den Ausdruck „österreichisches Deutsch“ geprägt – manchmal auch mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben, also „Österreichisches Deutsch“; damit soll die Begrifflichkeit hervorgehoben werden. Sie verstehen darunter die standardsprachlichen Ausformungen innerhalb des österreichischen Staatsgebietes: von der „Marille“ bis zum Wort „heuer“, natürlich auch alle Begriffe der Amtssprache und der Küchensprache.

Nach meinem Gefühl gilt für das „österreichische Deutsch“ dasselbe wie für das Bairische: es gerät ins Hintertreffen. Hier spielt auch der Aspekt eine Rolle, dass wir zur Peripherie des deutschen Sprachraums gehören. Es ist eine Binsenweisheit, dass die Eigenheiten eines Sprachzentrums weit ausstrahlen – bis an die Ränder des Sprachraums, zu denen wir gehören. Selbst bei koproduzierten TV-Krimis, die von ihrer Handlung her in Österreich angesiedelt sind, sprechen österreichische Schauspieler, die österreichische (!) Figuren darstellen, manchmal so, als kämen sie aus dem Zentrum: „Ich bin zur Berghütte hochgelaufen!“ Das ist eine Form der sprachlichen Selbstzensur. Wie wenn man „hinaufgehen“ anderswo nicht verstehen würde.

Egal, welches theoretische Konstrukt man wählt, um die sprachliche Entwicklung innerhalb Österreichs zu beschreiben: das auf Minderheitensprachen und Mundarten ausgerichtete Modell; das nationalstaatliche mit dem Kernbegriff „österreichisches Deutsch“ oder das Zentrum-Peripherie-Modell: Wir alle sind bedroht! Es geht um unsere Sprache insgesamt. Was sich zurzeit abspielt, kann nur so beschrieben werden: Die Vielfalt wird eingeebnet, die Sprache verfällt.

Printausgabe vom Mittwoch, 23. Februar 2011

Frakturschriftverbot vor 70 Jahren

Trotz des Verbots der gebrochenen Schriften im Deutschen Reich zu Jahresbeginn 1941 und der Auflösung des „Bundes für deutsche Schrift“  haben sich die Frakturschrift, die Schwabacher, die gotische und die Kurrentschrift  (alle zusammen vereinfacht, aber fälschlich als „die deutschen Schriften” bezeichnet) in manchen Bereichen erhalten: Wo es auf Gediegenheit, Tradition und auf einen auffallenden Blickfang ankommt, dort werden sie gerne verwendet  – — in gehobenen Gaststätten, Antiquariaten, Straßenschildern, Zeitungstiteln und vielen anderen Bereichen mit positivem Bezug auf Kultur, Geschichte und Heimat.

salzburger nachrichten

 

Die Wiener Sprachblätter fördern diese Kostbarkeit auch weiterhin, wohl im Bewußtsein, damit nicht alle Menschen zu erreichen – doch wer wird die Musik und andere Künste vor 1900 ablehnen, nur weil sie nicht mehr „modern“ sind?

 

Die wenigen heiklen Besonderheiten der Frakturschriften beim Schreiben erleichtern jedoch das Lesen und werden sowohl von Ausländern wie von Kindern rasch begriffen – wer lesen will, lernt es ohne große Mühe!