Hugo Schuller (WSB 1/2012)
Die folgende Stellungnahme schickt uns Hugo Schuller, Wiener Neustadt. Sie ist an den Österreichischen Alpenverein in Innsbruck gerichtet. Im März-Heft 2012 der Wiener Sprachblätter konnten wir daraus nur einen Auszug drucken. Hier können Sie den vollständigen offenen Brief lesen. Wenn auch dessen politische Herleitungen und Begründungen nicht notwendigerweise der Meinung der Wiener Sprachblätter und des Vereins “Muttersprache” entsprechen, so halten wir das Plädoyer dennoch für beachtenswert:
An den Österreichischen Alpenverein, Innsbruck
Zu Recht ist Ihnen der Natur- und Umweltschutz ein großes Anliegen. Ein ebenso großes Anliegen müßte Ihnen der Schutz unserer deutschen Muttersprache sein. Hier aber vermisse ich schmerzlich einen diesbezüglichen Einsatz, denn Ihre sonst gut gestaltete Monatszeitschrift „Bergauf“ strotzt nur so von unnötigen Anglizismen; das schrieb ich schon 1995 an den Österreichischen Alpenverein. Hier ist nämlich der sonst gerne gebrauchte Hinweis auf die international Computersprache, die eben Englisch wäre, nicht angebracht. Der Europäische Alpinismus ist viel älter als die amerikanische Extremkletterei. Daß in der amerikanischen Kletterszene sich dann sensationelle neue Techniken entwickelt haben, ist hier unbestritten, aber deshalb in einer österreichischen Alpinzeitung in einem oft unverständlichen „Kauderwelsch” über Berge, neue Führen, Ausrüstung usw. zu schreiben, entbehrt jeder Veranlassung.
Leider betrifft dieser Unfug nicht nur den Alpenverein. Er zieht sich durch viele andere Bereiche unserer Gesellschaft. Kunst, Kultur, Werbung, Medien etc. sind davon nicht ausgenommen. Ärgerlich ist dies vor allem dort, wo es an Stelle solcher verbalen Mißgeburten klar beschreibende schöne deutsche Wörter gibt. Ich frage mich manchmal nach den Gründen dieser Paranoia. Über achtzig Millionen Menschen in Deutschland, weitere Millionen in Europa und viele Millionen Menschen weltweit sprechen unsere wunderbare Sprache – doch die „Mutterländer” dieser Ausdrucksform der Dichter und Denker glauben nicht mehr daran, daß diese Sprache eine der großen Sprachen der Welt sei, warum?
Bei Umfragen von Meinungsforschungsinstituten empfindet die Mehrheit der Deutschen jene Verunstaltung als überflüssig. Warum wehrt sie sich dann nicht? Wir leben angeblich doch in einer Demokratie, nicht in einer Diktatur, oder? Diese Anbiederung an die Sieger in zwei Weltkriegen über Deutschland erscheint mir wie eine weitere Unterwerfung Umerzogener, in gebückter Demutshaltung, unter das Diktat der „Befreier”. Jahrzehntelang schlägt sich Deutschland schon an die Brust, wegen zwölf Jahren einer Regierung, wie sie sich so kaum ein Deutscher gewünscht hat. Nun schon in der dritten Generation steht die grelle Leuchtschrift „Für immer schuldig” über Deutschland. Söhne und Enkel hören dazu noch immer: „Eure Großväter und Väter waren – Verbrecher”. Bei keinem anderen Volk ist so etwas möglich, weil anscheinend kein anderes Volk diesen hohen moralischen Maßstab an sein Handeln gelegt hätte wie das deutsche – und andere haben das schamlos ausgenützt.
Ja, „Deutsch“ ist schuldig geworden, – wie andere auch und – wie viele in der Zwischenzeit schuldig geworden sind – und wie viele noch schuldig werden. Diese Kette wird leider nicht abreißen, – solange es Menschen gibt. Es wird aber auch immer die Chance geben – zu verstehen, wenn schon nicht zu vergessen, aber wenn die Zeit ihre Decke über die Vergangenheit zieht, – vielleicht zu vergeben.
Die USA sind nicht unser Vorbild. Wir haben es nicht notwendig, uns daran anzulehnen, im vorauseilenden Gehorsam, schon gar nicht in sprachlicher Unterwürfigkeit. Verleugnen wir nicht die eigene Identität durch einen völlig unbegründeten Selbsthaß, der uns in das Nachäffen des Amerikanismus treibt! In ein uns fremdes Rabaukentum, in rüde Umgangsformen, schrilles Gehabe, Bigotterie und Heuchelei. Wir wollen keine verblödeten manipulierten Verbraucher werden, Marionetten, in einem korrupten System, in dem nur Geld, Macht und Sex eine Rolle spielen. Wir wollen auch nicht in einem EU-Anatolien nach Amerikas Wünschen leben, wo Amerikas „großer Freund” eine Moschee nach der anderen finanziert.
Es ist an der Zeit, daß Deutschland sich aus seiner gebückten Haltung erhebt, um seinem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen. Dazu gehört auch eine offene Argumentation in unserer schönen präzisen deutschen Sprache. Diesen Appell richte ich auch an jene, die meinen, mit Anglizismen ihre herausragende Bedeutung, Weltoffenheit und globale Kompetenz ausdrücken zu müssen. Das Umgekehrte ist der Fall. Wie die Wahrheit zu sagen revolutionär wird, das einfache Leben, die Moral, so wird es eines Tages revolutionär sein, die so reiche deutsche Sprache unverfälscht zu sprechen. Wer nur über einen geringen Wortschatz verfügt, dem bleibt der Reichtum der deutschen Sprache verschlossen, und um sich zu auszusprechen, greift er auf die Fertigphrasen der Anglizismen zurück. Das Ergebnis ist ein verkümmertes, holprig, häßliches Primitivstammeln, das gerade ausreicht, sich bei sprachlich ähnlich Verwahrlosten verständlich zu machen.
