Dialekt als soziales Merkmal für Unbildung?

Von Werner Abraham

(Erweiterte Fassung des Beitrags aus WSB 4/2015)

 

Grammatikunsicherheiten: die Pickerl oder die Pickerln?

Ist es uns noch erinnerlich? In der TV-Werbung war von der Neueinführung von Einkaufspickerl (Plural!) die Rede und vom entsprechenden Sammeln von Markerl (zum Einkleben) in unserer Einkaufswelt – eine althergebrachte Werbelist. Es fiel dann auf, dass in Folgewerbesendungen das Wort vermieden wurde. Später war auch von Pickerln (ebenfalls Plural) die Rede. Da hatte jemand auf etwas aufmerksam gemacht. War etwa Kritik zu dem Werbepsychologen vorgedrungen, was dessen Praxis der Pluralbildung betrifft?

Sei dies, wie es sei. Was das Ganze deutlich macht, ist, daß in Österreich – oder etwa nur in Wien? – bei bestimmten Grammatikfragen zum Deutschen Unsicherheit besteht. Das untrügliche Gefühl für Grammatikregeln fehlt, möglicherweise bereits bei den Lehrern im Deutschunterricht.

Was wäre denn die „deutsche“ Deutsch-Regel? „Beim Diminutiv (dem Verkleinerungswort) auf -erl setzt man im Plural -n.“ Vgl. die Mäderln (zu Meid), Weiberln (zu Weib), Bienderln (zu Biene), Körberln (zu Korb), Scheiberln (zu Scheibe) usw.

Davon zu unterscheiden sind die Regeln bei der Endung auf -el, einer benachbarten Quelle der Unsicherheit. Hier bildet das Femininum den Plural mit -n (die Kartoffeln, Regeln, Eicheln, Disteln usw.), das Maskulinum und Neutrum jedoch nicht (die Mittel, Viertel, Hebel, Deckel, Kegel usw.; mit einigen Ausnahmen wie die Muskeln, Stacheln), außer -el ist die Diminutiv-Form (z. B. die Hütteln, Stadeln). Bei Pseudo-Diminutiva ist umgangssprachlich/mundartlich auch -n möglich (z. B. die Knödeln, Quargeln, Schnitzeln); das ist aber nicht Schriftdeutsch.

Das „österreichische Deutsch“ als Frage von Sprachkompetenzen?

Um aber die Frage zu die Pickerl abzuschließen: Mich selbst schaudert vor dem Plural die Pickerl, die Markerl. Ich kann nur die Pickerln, die Markerln sagen. Hat bei den unterschiedlichen Sprachkompetenzen der Pickerl-Sprecher und der Pickerln-Sprecher die Weisheit des vormaligen Unterrichtsministers Felix Hurdes zugeschlagen: Ist „Deutsch“ einfach durch „Unterrichtssprache“ zu ersetzen, um sich einer gemeinsprachlichen Deutschgrammatik nicht mehr stellen zu müssen?

Man beachte: Ich spreche nicht von lexikalischen Varianten, so wie Schweizer Unterbruch sagen, wo Österreicher, Luxemburger und Deutsche bei Unterbrechung angelangt sind. Oder wo man in Österreich Topfen sagt, was man zwischen Freilassing und Penemünde als Quark verlangen muss, wenn man das bekommen soll, was man bekommen will. Es geht mir vielmehr um die grundsätzliche Grammatikunsicherheit beim österreichischen Deutsch.

Deren Abweichungen sind freilich von akademischen Deutschprofessoren wie Rudolf Muhr aus Graz mit dem Terminus „Austriazismen“ zum österreichischen Standarddeutsch hochstilisiert worden. Damit spricht man ihnen unter vielerlei Toleranzen gleichsam „soziallegitimen“ Status zu.

Sind wir also als Deutschsprecher in Österreich unsicher, was das Gemeindeutsch – Deutsch als staatsübergreifende Verkehrssprache – betrifft? Woher käme das? Sind wir dadurch schlechtere Deutschsprecher, stigmatisieren wir uns sozusagen selbst gegenüber „echt“ deutschen Richtigsprechern?

FWF-Projekt „Deutsch in Österreich“

In der Wiener Tageszeitung Der Standard vom 9. September 2015 wird unter dem Titel „Deutsch in Österreich: die Verteidigung des Topfens“ das neue Forschungsprojekt „Deutsch in Österreich“ vorgestellt, das der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung im Rahmen des Programms für Spezialforschungsbereiche vor kurzem bewilligte. (1) Projektleiter sind die Germanistikprofessoren Alexandra Lenz (Wien, vorher Groningen) und Stephan Elspaß (Salzburg, vorher Augsburg). Beide sind ausgewiesene germanistische Sprachwissenschaftler: Lenz mit dem Schwerpunkt der niederdeutschen Dialektologie und Elspaß mit „Sprachgeschichte von unten“ (d. h. unter Bezug auf unliterarische Dokumente in der Geschichte des Schrifttums des Deutschen quer durch alle Dialekte).

Kernidee des Forschungsprojekts (2) ist es, den sozialen Verwerfungen beim Gebrauch von Dialekten in der öffentlichen Rede (etwa vor Amtsträgern) und im Verkehr von Sprachteilnehmern untereinander nachzugehen. Nachteile, Stigmatisierungsfaktoren, Ausdrucksgenauigkeit sollen erhebungstechnisch mit statistisch signifikanten Ergebnissen ermittelt werden, regional gegliedert, je nach Ausprägung des Dialekts. Gegebenenfalls gilt es sie zu erklären und publizistisch vermittelnd bzw. „stigmakorrektiv“ zu wirken.

Das ist ein großes soziolinguistisches Vorhaben, das nach besonderen Leitungs- und Organisationsqualitäten verlangt. Die Forschungsfragen sowie der geplante Umgang mit den Ergebnissen der Werteklassifikation („Stigma“ oder „Akzeptanz“) verraten deutlich die methodische Projektbegründung nach William Labovs „Differenz-Position“ (difference position) – dies in Gegensatz zu Basil Bernsteins methodischer „Defizithypothese“, wo der spezifische Sprachgebrauch sozialer Schichten und das Auftreten von Sprachbarrieren beleuchtet wird (Unterscheidung zwischen „restringiertem“, d. h. der „Unterschicht“ zugehörigem und „elaboriertem“, d. h. der „Oberschicht“ zugehörigem Sprachkode).

Bernsteins Defiziterklärung wurde in der soziolinguistischen Methodik seit den 60er Jahren durch Labovs Ansatz abgelöst, eine linguistisch fundierte Varietätengrammatik und Varietätenphonologie. Nach Labovs Differenzansatz wird nicht nur darauf verzichtet, Substandardausdrücke zu bewerten, sondern dem sprachlichen Substandard wird sogar die Funktion zuerkannt, den Sprachwandel einzuleiten (vgl. Labovs Buchtitel Principles of Linguistic Change, 3 Bde., 1994–2010). Erst unter solcher methodologischer Vorgabe, das will man aus dem Standard-Interview herauslesen, kann man sich ein Bild vom Qualitätsgrad des angestrebten Erhebungshorizonts und der zu erwartenden Ergebnisse machen.

Regel-Defizit oder Regel-Alternative?

Was hat dieser sprachsoziologische und dialektologische Hinweis mit dem Pickerl(n)-Problem zu tun? Nun: Ich habe es mit meiner entschiedenen Bevorzugung von Pickerln bereits angedeutet, mag man doch aus meiner Wertung, hinter der ja auch die Erklärung einer Berufsautorität steht, Stigmatisierung der Variante Pickerl erschließen. Die Frage ist hier aber: Handelt es sich um Stigmatisierung wegen des vorliegenden Regel-Defizits (also nach Bernstein), oder kennzeichnet sie bloß eine „wert-unwerte“ Varietät, also zwei gleichberechtigte Spielarten (nach Labov)?

Ich meine, die Frage ist empirisch entscheidbar. Kommen wir dazu noch einmal zu unseren Pickerln bzw. Pickerl zurück. Ich behaupte, dass bei dieser Unsicherheit eine ganz konkrete Entscheidung zwischen zwei Regel-Alternativen vorliegt, wobei einmal (völlig unbewusst natürlich) von der einen Regel, ein andermal von der anderen Gebrauch gemacht wird.

Die eine Regel wurde bereits angesprochen – sie ist am ehesten Duden-reif: Diminutive haben dann ein Plural-n wie in Pickerln und Markerln, wenn sie sich in der Gegenwartssprache nicht als unabgeleitetes Wort selbständig gemacht haben (etwa Brösel als Singular ebenso wie Plural; denn es gibt ja kein *Brös(e)!). Dies zur formalen Unterscheidung von Singular (Pickerl) und Plural (Pickerln).

Das ist die eine Regel. Die zweite dagegen führt zu Pickerl als Plural, und ihre grammatische Gültigkeit ist ebenso regelhaft (wenn auch in Duden nicht belegt). Sie hängt damit zusammen, dass Diminutive in funktionaler Hinsicht viel mit Pluralen, Kollektiva (das sind Ausdrücke zur Bezeichnung einer Vielzahl als Einheit, z. B. Stuhl → Gestühl, Bürger → Bürgerschaft) und Habituativa (Gewohnheitsausdrücken) zu tun haben. Alle eint, dass sie etwas mit Quantifizierung (Mengenangabe) zu tun haben:

♦ Habituativa und Iterativa (Wiederholungsausdrücke) kennzeichnen „Ereignisgenerik“, am typischsten bei Berufsbezeichnungen auf -er: Lehrer, Sünder, Bäcker, Turner – Personen, die wiederholt das Gleiche tun (nicht jedoch *der/die Faller, Sterber, weil hiermit keine Berufe bzw. Habituativa vorliegen: fallen, sterben sind einmalige Ereignisse, lassen sich nicht durch ein und dieselbe Person wiederholen, genau das Gegenteil von Habituativa).

♦ Kollektiva (mehrere Individuen mit den gleichen Eigenschaften umfassend) drücken in sich selbst bereits „Ereignispluralität“ aus: das Vieh. (Im Unterschied zum Individualnomen das Viech, wozu es völlig regelhaft den Plural die Viecher gibt; Viech hat allerdings den Weg in die Hochsprache nicht gefunden. Unter einem Individualnomen oder Individuativum versteht man Hauptwörter, die im Unterschied zu Massen-Nomen unmittelbar mit einem Zahlwort verknüpft werden können: z. B. Apfel gegenüber Gold.)

♦ Da Kollektiva bereits einen Pluralisierungstyp darstellen, gibt es dazu keine Singularbildung: z. B. Leute (*der Leut?).

♦ Diminutive verkleinern, sind mithin als Verkleinerungsableitungen (Weib – Weiberl) an und für sich bereits quantifiziert. (Es gibt keine Verkleinerungen von Individuativen, soweit es nicht Eigennamen wie das Peterl(e) sind – und dort handelt es sich nicht um Verkleinerungen, sondern um Hypokoristika, also Liebkosungsausdrücke.)

♦ Zu dem Diminutiv auf -chen, der eher im Norddeutschen beheimatet ist (es gibt kein *Pickchen, *Märkchen), existiert kein eigener Plural, da doppelte Quantifikation sich funktional ausschließt: Weibchen ist Singular ebenso wie Plural. Hier schließt sich der Diminutiv der Klasse der unabgeleiteten Nomina auf Singular-n an, wie (das/die) Zeichen, (der/die) Nachen, Rachen, Kuchen, Rechen.

♦ Die deutlichste Parallele zu Pickerl als Quantifikation liefern die Teilnumeralia im Deutschen: (ein) Drittel, Viertel, Zehntel, Hunderstel. Hierzu gibt es keinen n-Plural. Wir bestellen – verlassen wir die Welt der Zahlenteile – zwei Bier/Roten/Gulasch, nicht zwei Biere/Rote/Gulasche. Nur zu Letzterem allerdings steht die Grammatikschreibung mit der Regel der Pluralbildung und der entsprechenden morphologischen Kongruenz.

♦ Die Verallgemeinerung zum letzten Beispiel – (die) *Dritteln – bietet Zählung der sogenannten Mengennomina (wie Zucker, Mehl, Wasser), wo beim Zählen die fehlende Pluralform durch eigene Zählernomina eingesetzt wird, wie Stück (Stücke), Dutzend (Dutzende), Mann (Männer). Damit wird ein falscher Plural (die *Zücker, *Mehle, *Honige) vermieden, und trotzdem kann gezählt werden: drei Stück(*e) Zucker, vier Dutzend(*e) Eier, drei Mann (*Männer), 5o Gramm Honig(*e) hoch. Dieser Quantifikationstyp ist in den sog. transnumeralen Sprachen wie dem Chinesischen und Japanischen konsequent durchgezogen, da die Nomina grundsätzlich keinen Plural bilden. Es gibt in solchen Sprachen eine Vielzahl von sog. Klassifikatoren, die genau das gleiche tun wie Stück/Dutzend/Mann, wenn das Nomen gezählt werden muss. D. h. hinter der quantifizierenden Entscheidung für den Plural Pickerl, Markerl (also ohne eigenes Pluralmorphem –n) steckt eine in den Spra­­chen der Welt sehr regelhaft vertretene Systematik.

♦ Sobald jedoch der reine Mengenbegriff zugunsten individueller Verschiedenheiten aufgegeben wird, lassen sich manche Mengenwörter pluralisieren: diese (Rasier-)Wässer (kosten ganz unterschiedlich viel). Haben wir es also mit zwei Pluralen zu tun, die Unterchiedliches ausdrücken? Wie in (die) Pickerln als Individuativa (kleine verschiedenfarbigen Pickobjekte) gegen (die) Pickerl als Einheitsmengenbegriffe? (Ich kann eine solche Trennung in meinem Deutsch nicht nachvollziehen. Aber es wäre immerhin zu untersuchen.)

♦ Wir bestellen im Wirtshaus: „Kaffee, bitte!“ Der Ober sieht uns zu zweit sitzen: „Zwei?“ Ich darauf: „Ein!“ Der Ober abermals: „Zwei Zucker?!“ Ich antworte: „Ein Zucker.“ Man beachte: „Einen Zucker“ wäre wohl kasusgrammatisch (Akkusativ), nicht jedoch semantisch-pragmatisch in dieser Situation angebracht. Ähnlich für Kuchen, Braten, Rotwein, Gspritzter. Nehmen wir nun an, es verbirgt sich in meiner Bestätigung zu meiner Bestellung „ein (Stück) Zucker“, dann wäre auch die Akkusativkodierung richtig, da ja „einen Stück Zucker“ falsch wäre. Es ließe sich auch argumentieren, dass mal verborgen ist: „ein(mal) Zucker“. Aber auch diese Ellipsenversion zeigt nur, dass da ein lexikalischer Vermittler zwischen dem Numeralwort ein/zwei und dem Kopfnomen Zucker dazugedacht werden muss, um sowohl der Morphosyntax als auch der semantischen Interpretation Genüge zu tun.

♦ Es gibt ein Phänomen, das mit Letzterem zusammenhängt. An der Zahlkasse wird gefragt: „Wieviel Flaschen Bier?“ Antwort des Kunden aus Bayern: „Viere!“ Zu beachten ist, dass „Viere Flaschen“ falsch wäre. Viere (ebenso wie Zehne, Hunderte) ist nur nominal einzusetzen, nicht attributiv. Ebenso falsch wäre allerdings auf die Frage „Wieviel Biere?“ die Antwort „Viere“. Denn das würde besagen, dass es vier verschiedene Biersorten gibt – eine Antwort, die gar nicht zur Frage passt. Das will bedeuten: Es gibt in den oberdeutschen Dialekten im Unterschied zum Schriftdeutschen zwei Grundzahlwörter: ein flektiertes nominales und ein unflektiertes attributiv verwendetes. Wir schließen: beim unflektierten handelt es sich nicht nur um ein attributiv verwendetes, sondern dieses verbindet sich syntaktisch auch mit einem elliptischen „Mengenportionierer“ – Flaschen in unserem Beispiel. Mit dem flektierten dagegen liegt ein individuierendes Zahlwort vor: „vier (Verschiedene von einer Menge Gleicher)“.

Nach diesen Regeldetails gilt die zweite Regelverallgemeinerung für das Deutsche:

Bei den Klassen der Habituativa und Kollektiva (aber längst nicht nur bei diesen), denen pluralische bzw. quantifizierende Bedeutung innewohnt, sind Mehrheits- als Pluralbildungen sozusagen in inhaltlichen Widerstreit mit morphologischer Pluralbildung geraten, ebenso wie bei quantitativ abbauenden Diminutiven. So kommt es zu der von mir beobachteten Bildung (zwei) Pickerl, Markerl statt der „korrekten“ (zwei) Pickerln und Markerln.

Grammatik- dank Dialektkompetenzen?

Wir haben mit den beiden Regeln ganz unterschiedliche Grammatikmodule angesprochen: mit Regel 1 die Formentrennung zwischen abgeleiteten und unabgeleiteten Wörtern, auf -erl endend; mit Regel 2 so etwas wie innere Quantifikation, wobei sich die quantitätsabbauenden Diminutive gleich wie quantitätsaufbauende Habituativa und Kollektiva verhalten.

Wenn das alles (vor allem meine Regel 2, die keinen Weg in die Grammatiken gefunden hat 3) stimmt, dann geht das Schwanken zwischen den Pluralformen Pickerl/Markerl und Pickerln/Markerln auf eine durchaus tiefe Regelkompetenz des Deutsch sprechenden Österreichers zurück – eine, auf die der Vertreter von ausschließlichem Pickerln nicht verweisen kann und die, notate bene, auf Dialektkompetenzen zurückgeht. Daran gemessen, können Sprecher allein der Hochsprache ihre Grammatikkompetenz nicht in gleicher Tiefenauslotung aufbauen.

Es gilt abzuwarten, ob die Forscher im großen österreichischen Wissenschaftsfonds-Projekt auch auf solche Ergebnisse von korrekten Alternativen hinweisen können. Sammeln und Einordnen alleine wird nicht genügen. Was immerhin auf den ersten Blick als im Sinne Labovs wertungsfremdes Untersuchungsprojekt anmutet, kann ebenso gut darauf hinauslaufen, Defizite im satz- und textkompositorischen Vermögen der Österreicher zu Tage zu bringen, vor allem dann, wenn methodisch solchen zunächst gleichwertigen Varianten wie Pickerl und Pickerln ein entsprechender Bewertungsraum beigemessen wird. Damit erführen sie eine Auslegung im Sinne von Bernsteins „Defizitposition“. Sie erschienen als Eigenschaften der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Bildungs- und Kompetenzschichten und wären das Ergebnis sprachlicher Sozialisationsprozesse.

Wir sehen dem Ergebnis mit Spannung entgegen.

 

Anmerkungen:

(1) Vgl. dazu auch den Bericht: http://derstandard.at/2000020892843/Wie-sich-die-deutsche-Sprache-in-Oesterreich-entwickelt

(2) Siehe auch: http://www.uni-salzburg.at/index.php?id=202519

(3) Ich hatte zu allem einen fruchtbaren Gedankenaustausch mit Prof. Elisabeth Leiss (Lehrstuhl für germanistische Linguistik an der Ludwig-Maximilian-Universität zu München).

 

Der Autor: Werner Abraham war ordentlicher Professor für germanistische Sprachwissenschaft und Mediävistik an der Reichsuniversität Groningen, Niederlande. Nach seiner Emeritierung wirkt er als Honorarprofessor für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Wien und als Lehrbeauftragter für Germanistische Linguistik an der Ludwig-Maximilian-Universität in München.

 

Nachbemerkung eines Lesers: Zur „Grammatik der Wirtshausbestellungen“

Ich glaube schon, dass es um Abkürzungen geht – oder zumindest um Auslassungen, bei denen man sich dann das Ausgelassene hinzudenken muss. Wenn wir geschickte Formulierungen finden, muss man weniger auslassen und weniger hinzudenken. Wenn wir immer vollständige Sätze bilden, wie: „Herr Ober, bitte bringen Sie uns einen halben Liter roten Hausweines und dazu zwei Gläser“, dann wissen wir genau, welches Nomen im Nominativ, im Akkusativ oder im Genitiv steht, und können die Endungen der Adjektiva und der Zahlwörter entsprechend anpassen. Sagen wir bloß: „Noch einen!“ und zeigen auf das Glas, dann weiß der Ober nicht, ob sich das einen auf Wein oder auf den Liter bezieht, den wir vorher bestellt hatten. Und manchmal entstehen so auch seltsame Wendungen, die aber grammatikalisch richtig sind, wenn man sich nur das Richtige hinzudenkt.

Bei „drei Bier“ muss man sich den Klassifikator Glas hinzudenken, und wenn man das tut, dann ist man, wie Du sagst, fast schon beim transnumeralen Chinesischen: „san bei pijiu“ = „drei Glas Bier“ (allerdings darf man im Chinesischen den Klassifikator bei = Glas nicht weglassen).

Davon ausgehend glaube ich, man kann fast die Behauptung wagen: Die Grammatik unserer Wirtshausbestellungen ist nicht nur dem Chinesischen ähnlich, sie ist sogar vom Chinesischen beeinflußt!

Zunächst eine harmlosere These: Unsere Wirtshausbestellungen werden durch unser wissenschaftlich-technischen Messsystem beienflusst. Dieses System ist während der Aufklärung enststanden und besteht aus dem Tripel Messzahl, Messeinheit, Messgröße. Beispiel: „7 Volt Spannung“. Bei Mengenmessungen tritt an Stelle der Messgröße die Stoffbeschreibung: „drei Liter Bier“. Die Meßzahl wird vorzugsweise als Dezimalzahl geschreiben, so dass man sich um die Endung (ein, einer, eine, einen) nicht kümmern muß. Die Messeinheit (Volt, Kilo, Liter) ist undeklinierbar und hat weder Casus noch Numerus noch Genus. Meistens wird sie als Formelzeichen geschrieben (V, kg, l). Und die Stoffbeschreibung ist ebenfalls undeklinierbar und hat werder Casus noch Numerus noch Genus. Im Idealfall steht hier eine chemische Formel: H2O, oft ein technischer Name: Frühkartoffeln Klasse 3C oder Carbon Nanotubes oder Isopropylalkohol. Dieses System wird meistens in Tabellen und in Gleichungen verwendet. Wenn es in den Text hinein rutscht, muss man sich entweder Anführungszeichen denken oder Kompromisse machen. Unsere Wirtshausbestellungen folgen diesem System: „Null Komma Fünf Liter Paulaner, hell, vom Fass“.

Und jetzt müssen wir nur noch zeigen, dass unser technisches Maßsystem von China beeinflußt worden ist. Das ist relativ leicht: Aufklärung, Französische Revolution … das war die Zeit der Chinoiserien. Der Chinesische Turm im Englischen Garten in München ist 1789 gebaut worden! Die Aufklärung hat China sehr bewundert und vieles nachgeahmt!

Noch ein Nachtrag zu meiner Bemerkung über die Maßeinheiten: Diese sollten ohne Numerus, Genus und Casus sein. Wir lachen oft über die „ungebildeten“ Amerikaner, die an Meter ein Plural-s anhängen. Aber wir sagen selbst Meilen, Ellen, Unzen usw. Nun ja, das sind alte Einheiten, die nicht zum metrischen System gehören. Aber Sekunden? Die gehören zum metrischen System. Die haben wir jedoch noch aus der vor-metrischen Zeit übernommen. Andererseits bilden wir auch keine Mehrzahl von den alten Einheiten Zoll und Fuß (die Engländer und Amerikaner schon: inches und feet). Wieso?

Da kommt bei mir folgender Verdacht auf, der für Dich als Fachmann vielleicht ein altbekanntes Gesetz ist: Die offenbare Mehrzahlbildung bei alten Maßeinheiten gibt es nur, wenn diese weiblich sind. Vielleicht ist das gar kein Plural, sondern ein alter Genitiv, wie bei Frauenkirche und Sonnenfinsternis: „3 Meilen“ = „drei der Meilen“, genitivus partitivus!

Ähnliches trifft anscheinend auch für die Währungseinheiten zu: Euro und Pfund setzen wir nicht in den Plural, Kronen schon. Bei Heller, Kreuzer, Taler, Franken und Gulden würden Singular und Plural, Nominativ und Genitiv formal zusammenfallen. Schilling? Mark?

Ganz konsequent sind wir ohnehin nicht: Wir sagen „drei Tassen Kaffee“ und „drei Glas Wasser“, aber Jahr und Tag setzen wir immer in den Plural – außer in der Wendung: „vor Jahr und Tag“.

 

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