Sedlaczek am Mittwoch Zu viel Englisch ist auch nicht gut

Robert Sedlaczek - Wiener ZeitungDas Englische ist die internationale Verkehrssprache. Aber manche Auswüchse dieses Trends stimmen mich nachdenklich.

Der Mineralkonzern ÖMV hat schon vor einiger Zeit die zwei Punkte über dem Anfangsbuchstaben gestrichen. In einer großen Werbekampagne ist uns erklärt worden, dass das Unternehmen fortan OMV heißt. Das Ö musste offensichtlich deshalb zu einem O werden, weil es in vielen Sprachen keine Umlaute gibt.

Außerdem wurde das Englische zur Konzernsprache erklärt. Mit Abu Dhabi als Großaktionär geht das wohl gar nicht anders. Und die wichtigsten Märkte sind zurzeit nicht unsere östlichen Nachbarn, sondern Rumänien und die Türkei.

Lustig wird es, wenn sich ein Generaldirektor verabschiedet und ein neuer inauguriert wird. Da müssen dann beide witzige Reden halten: natürlich auf Englisch. Wo kämen wir denn da hin, wenn sie deutsch sprächen? Auch der Wirtschaftsminister redet englisch. Alle ziemlich holprig. Dabei sind die Aktionäre aus Abu Dhabi gar nicht da!

Von der Wirtschaft zur Wissenschaft: Eben erfahre ich, dass das DoktorandInnenzentrum der Universität Wien zu einer Konferenz einlädt. Sie trägt den Titel: „Why doing a good PhD is never a waste of time? Added value of the Doctorate“. Weiter heißt es in katastrophal schlechtem Deutsch: „Das DoktorandInnenzentrum hat ExpertInnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft eingeladen, um mit Ihnen die Frage des ,Mehrwertes‘ eines Doktorats für Karrieren auch abseits der und für die Wissenschaft zu diskutieren und welche Implikationen dies eventuell für die Weiterentwicklung des Doktoratsstudiums hätte.“ Und ganz unten steht: „Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.“

Aha, denkt man sich, da sind Experten aus aller Herren Länder eingeladen, wahrscheinlich auch Amerikaner und Engländer. Aber nein! Zur Eröffnung sprechen Rektor Georg Winckler und Alexandra Föderl-Schmid, Chefredakteurin von „Der Standard“. Abgerundet wird die Konferenz mit einer Podiumsdiskussion. Wer diskutiert? Der designierte Rektor Heinz W. Engl, ferner Alexander Van der Bellen, dann Melita Kovaèeviæ, Vizerektorin der Universität Zagreb, und ein Manager. Zum Abschluss gibt es ein Sommerfest im Palais Clam-Gallas, also im Französischen Kulturinstitut. Ob auch dort englisch gesprochen werden muss, ist nicht bekannt.

Aber immerhin regt sich Widerstand. Universitätsprofessor Hans-Jürgen Krumm vom Lehrstuhl „Deutsch als Fremdsprache“ protestiert. „Nichts gegen Englisch als Wissenschaftssprache – in manchen Fächern und in manchen englischsprachigen Kontexten. Wenn aber von sämtlichen Rednern maximal eine Kollegin der deutschen Sprache nicht mächtig ist, alle anderen aber Deutsch als Muttersprache haben, ebenso wie dies bei 90 Prozent oder mehr der TeilnehmerInnen der Fall sein wird, dann wird das Ganze lächerlich – nicht nur wegen des teilweise amüsanten Englisch.“

Krumm kritisiert das mangelnde Selbstbewusstsein der europäischen bzw. deutschsprachigen Wissenschafter. Wenn es nicht um primär englischsprachige Disziplinen geht, sind ja gemischtsprachige Konferenzen inzwischen weltweit üblich. Dadurch können auch unterschiedliche Wissenschaftskulturen besser sichtbar gemacht werden.

Und weiter schreibt Krumm: „Auch die Universität Wien verfügt über ein reichhaltiges Mehrsprachigkeitsreservoir; sprachliche Monokulturen dagegen führen sehr bald zur Verödung auch in unseren internationalen Beziehungen – gerade in dem geografischen Raum, in dem wir leben.“ Das ist schön gesagt.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Vor kurzem ist bei Haymon sein „Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs“ erschienen.

Printausgabe vom 09. Juni 2011
Online seit: Mittwoch, 08. Juni 2011 18:28:00
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